Es ist ein Gefühl, das du nicht gern hast. Das du nicht wahrhaben willst, das du verdrängst.
Aber es ist da.
Wie eine dunkle Leere, die sich durch jede Faser deines Seins bohrt. Die an dir nagt, dich von innen auffrisst, dir die Luft abschnürt.
Einsamkeit.
Abendessen um 18 Uhr. Vielleicht schiebst du es auch noch ein bisschen nach hinten, um dir das Highlight des Tages aufzusparen.
Du isst langsam. Vielleicht hast du noch extra Gemüse dazugepackt, um das Volumen und damit auch die Zeit zu strecken.
Denn was kommt danach?
Eine Serie, ein gutes Buch. Super!
Aber nicht in den Armen des Menschen, der dich am meisten liebt, sondern in den Armen von – niemandem.
In deinen Armen: Essen.
Das Einzige, das tröstet, ablenkt, beruhigt.
Aber Mist! Wenn du nicht aufhörst, aus Einsamkeit zu essen, wie sollst du dann jemals jemanden finden?
Und so entsteht ein Teufelskreis:
Du bist einsam → du isst, um die Einsamkeit nicht zu spüren → du isst mehr, als dein Körper eigentlich braucht → du nimmst zu → du fühlst dich unwohler in deinem Körper und ziehst dich vielleicht noch mehr zurück → du bist noch einsamer → und wieder wird Essen zum Trost.
Und irgendwann nimmt Essen einen so großen Raum in deinem Leben ein, dass kaum noch Raum für das bleibt, wonach du dich eigentlich sehnst: Nähe, Beziehungen, Gemeinschaft.
Du versuchst, deine Einsamkeit mit Essen zu stillen.
Aber damit hältst du sie gleichzeitig aufrecht.
Was tun? Was hilft bei Essen aus Einsamkeit, wie kannst du damit aufhören?
Ich kenne Essen aus Einsamkeit selber nur zu gut.
Das erste Mal habe ich im zarten Alter von 13 Jahren aus Einsamkeit gegessen. Nach meiner ersten erfolgreichen Diät wandte sich meine beste Freundin von mir ab, meine Eltern hatten sich getrennt, und ich begann, nachmittags nach der Schule Unmengen an Süßigkeiten zu essen.
Die zweite Phase von Essen aus Einsamkeit war nach dem Studium. Eine langjährige Beziehung war in die Brüche gegangen, ich war ein Jahr allein in Sibieren, dann in Westrussland. Ich war SO einsam!
Und diese Einsamkeit habe ich mit Essen kompensiert. Einerseits mit Überessen und mit irren Diäten andererseits.
Auch nach der Trennung vom Vater meiner großen Tochter hatte ich mit Essen aus Einsamkeit zu kämpfen. Allein in Antwerpen, Familie zerbrochen, meine Tochter im Wechselmodell und keine Freunde, nur ein paar Arbeitskollegen, die ich kannte.
Zu diesem Zeitpunkt habe ich sogar schon Schlanke Gedanken gemacht, ich wusste, was emotionales Essen ist. Aber ich wusste nicht, was ich gegen die Einsamkeit tun sollte.
Deshalb möchte ich dir in dieser Folge erzählen, was du tun kannst, wenn du aus Einsamkeit isst. Und ich möchte dir von meinen eigenen Erfahrungen erzählen und davon, was mir rückblickend geholfen hätte, die Einsamkeit nicht mit Essen zu bekämpfen.
1. Lauf vor der Einsamkeit nicht weg
Einsamkeit tut weh.
Sie ist schrecklich.
Aber schau der Realität ins Auge und sei ehrlich:
Ja, ich bin einsam.
Ja, ich leide darunter.
Ja, mich macht das traurig.
Ja, ich habe Angst vor der Zukunft.
Die meisten Menschen machen aber etwas anderes:
- Sie gestehen sich nicht ein, dass sie einsam sind.
- Sie verdrängen den Gedanken daran.
- Sie verdrängen die Gefühle, die durch die Einsamkeit hervorgerufen werden.
Das ist total anstrengend!
Denn wenn du ständig versuchst, einen Gedanken oder ein Gefühl nicht zu denken oder nicht zu fühlen, musst du ständig damit beschäftigt sein, ihn oder es wegzudrücken.
Und irgendwann kompensierst du diese Anstrengung:
Zum Beispiel mit Essen.
Du frisst dir dann nicht nur die Einsamkeit weg.
Du frisst auch die Gedanken daran weg.
Und die Gefühle, die die Gedanken auslösen. Traurigkeit, Angst, Leere.
Du isst, damit du das alles für einen Moment nicht mehr spürst.
Aber was tun?
„Soll ich mir jetzt jeden Morgen vorsagen, wie einsam ich bin, oder was?“
Nein.
Du sollst nicht den ganzen Tag darüber nachdenken, wie einsam du bist.
Du sollst nur versuchen, es nicht zu verdrängen.
Denn sonst wird das Verdrängen irgendwann anstrengender als die Einsamkeit selbst.
2. Treffe Menschen, die zu dir passen
Einsamkeit betrifft vor allem Menschen, die es mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig verpasst haben, zu heiraten und jetzt plötzlich feststellen: Alle meine Freunde haben Familie und Kinder.
Natürlich können diese Freunde weiterhin gute Freunde sein.
Aber ihre Lebensrealität ist eine komplett andere als deine.
Ich habe das selbst erlebt, als ich in Woronesch als Dozentin für Deutsch als Fremdsprache an der Universität gearbeitet habe.
Ich war Anfang dreißig.
Meine Studenten waren ungefähr zwanzig.
Und meine Kolleginnen waren ungefähr so alt wie ich oder älter. Aber alle hatten Familie und meistens noch mehrere Jobs.
Es gab auch deutsche, österreichische und andere westeuropäische Austauschstudenten.
Aber die wollten vor allem eins: Party machen.
Ich erinnere mich noch an eine Feier im Hinterhof des Studentenwohnheims. Alle waren gut drauf, haben sich betrunken und hatten offensichtlich Spaß.
Und ich?
Ich versuchte, zwei Stunden lang von meinem alkoholfreien Bier zu trinken, um Kalorien zu sparen.
Ich war SO einsam!
Ich wollte keine Studentenpartys.
Ich wollte eine Familie. Ein ruhiges Leben. Menschen, mit denen ich mich über Dinge unterhalten konnte, die mir wichtig waren.
Geht es dir auch so?
Dann überleg mal:
Wo sind Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie du?
Und damit meine ich nicht einfach: Wo sind möglichst viele Menschen?
Sondern: Wo findest du Menschen, die ungefähr dieselbe Lebensrealität haben wie du?
Zum Beispiel:
- Keine Einheimischen, sondern andere Zugezogene. Deutsche, aber natürlich auch Menschen aus anderen Ländern.
- Sport. Wenn du einen Mann kennenlernen möchtest, probier doch mal eher männliche Sportarten aus: Klettern oder Bouldern, Kampfsport, einen Rennrad- oder Mountainbikeclub oder einen Wanderverein. 😁 Yoga, Pilates und Tanzen würde ich eher nicht empfehlen.
- Ein Sprachkurs.
- Freiwilligenarbeit oder ein Ehrenamt.
- Expat-Gruppen können funktionieren, sind aber vielleicht nicht unbedingt meine erste Wahl. Da geht es teilweise doch wieder hauptsächlich ums Saufen. Wobei es natürlich auch Gruppen gibt, die nachmittags Ausflüge machen und andere Dinge unternehmen.
Und mein bester Tipp:
Als Gläubige empfehle ich dir natürlich, eine Gemeinde vor Ort aufzusuchen.
Eine Freikirche oder eine Baptistengemeinde zum Beispiel.
Schau dir vorher die Internetseite oder Social-Media-Kanäle an. Dann bekommst du einen ersten Eindruck von der Lehre, der Zielgruppe und den Aktivitäten.
Wenn ich heute einsam wäre und meinen Mann und meine Kinder nicht hätte, wäre ich sehr aktiv in unserer Gemeinde. Ich würde versuchen, mich mit so vielen Menschen wie möglich zu vernetzen.
Dort haben sich übrigens auch schon sehr viele Liebespaare gefunden. 😉
Du bist nicht gläubig?
Egal. Geh doch trotzdem mal hin.
Schaden kann es doch nicht, oder?
Das ist übrigens ein Rat, den mir meine Therapeutin in Moskau schon 2016 gegeben hat.
Aber er kam bei mir überhaupt nicht an, weil ich keine Ahnung hatte, von welcher Kirche oder Gemeinde sie überhaupt spricht.
Interessant, was passiert wäre, wenn ich damals einfach gegangen wäre…
Wichtig finde ich: Versuche nicht, einfach alle möglichen Menschen kennenzulernen.
Auch wenn du gerade sehr einsam bist, musst du nicht jeden Kontakt vertiefen, den du irgendwie auftreiben kannst.
Sei wählerisch.
Es bringt nichts, deine Zeit mit Menschen zu vertrödeln, die überhaupt nicht zu dir passen.
Auch dann nicht, wenn es nur um Freundschaften geht.
Wenn jemand zum Beispiel sein ganzes Wochenende in Kneipen verbringen möchte und du das eigentlich überhaupt nicht magst, dann macht es keinen Sinn, mit irgendwelchen Menschen in Kneipen zu sitzen, nur damit du nicht alleine zu Hause bist.
Du bist dann zwar nicht mehr allein.
Aber unbedingt weniger einsam musst du dich deshalb nicht fühlen.
Und damit sind wir schon beim nächsten Punkt:
3. Akzeptiere die Einsamkeit
Das funktioniert natürlich nur, wenn du vor der Einsamkeit nicht wegläufst. Siehe Punkt 1.
Ich weiß, es klingt schwer. Aber versuche, die Situation so, wie sie jetzt gerade ist, zu akzeptieren.
Und sage dir:
Für jetzt ist es okay.
Alles hat seine Zeit.
Es kommt auch wieder anders.
Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,
eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen,
eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz;
eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen,
eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden,
eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.
Prediger 3,1-8
Das alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Überdies hat er die Ewigkeit in ihr Herz hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.
Prediger 3,11
Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden und Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn fürchten.
Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen und Gott wird das Verjagte wieder suchen.
Prediger 3,14-15
Ich hatte früher auch solche Situationen.
Wenn meine Tochter nicht bei mir war und die Einsamkeit mich drohte, aufzufressen, bin ich Rennrad gefahren.
Nicht professionell oder so. Gerade am Wochenende, wenn alle anderen mit ihrer Familie irgendwo unterwegs waren, wusste ich oft nicht, was ich an einem Samstagnachmittag machen sollte.
Also bin ich aufs Fahrrad gestiegen und 30, 40, 50 oder 60 Kilometer gefahren.
Die Mutter der besten Freundin meiner Tochter sagte irgendwann zu mir:
„Wow, das würde ich mir auch wünschen. Einfach mal rauskommen aus dem Familienstress und nur etwas alleine zu machen. Das hatte ich schon seit Jahren nicht mehr.“
Und ich dachte:
Ich würde so gerne mit dir tauschen!
Ich sehne mich so nach diesem Familienstress.
Was für ein Glück du hast!
Und heute, wo ich dieses Familienleben selbst habe und dafür sehr dankbar bin, kann ich viel besser verstehen, was sie meinte.
Wenn ich abends um halb zehn noch den Abwasch mache, den ich vorher nicht geschafft habe, weil ich zwei Kinder ins Bett gebracht habe, mit dem Hund spazieren war und eigentlich nur noch froh bin, wenn ich endlich im Bett liege, denke ich manchmal:
Vielleicht hätte ich damals doch mehr genießen sollen, dass ich alleine war.
Und einfach akzeptieren, dass es jetzt so ist, in der Gewissheit, dass es auch anders kommen wird. Es kann und wird ja nicht ewig so bleiben.
Vielleicht kannst du mit dieser Haltung an deine Einsamkeit herangehen.
Nicht: „Ich muss das jetzt toll finden.“
Sondern:
„Das ist gerade meine Situation. Sie darf gerade so sein. Sie wird nicht für immer so bleiben.“
Vielleicht musst du dann auch nicht mehr verzweifelt versuchen, die Einsamkeit mit Essen wegzudrücken.
4. Dankbarkeit
Dankbarkeit ist ein beliebtes Schlagwort in der Persönlichkeitsentwicklung.
„Sei dankbar!“
Aber wem eigentlich?
Wenn ich einfach nur versuche, dankbar zu sein, aber gar nicht weiß, wem ich dankbar sein soll, funktioniert das für mich nicht besonders gut.
Was aber funktioniert, ist: mich an dem zu freuen, was jetzt gerade da ist.
Und als Christ weiß ich außerdem, wem ich dankbar bin:
Gott.
Im Philipperbrief heißt es:
Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!
Philipper 4,6
Und im ersten Thessalonicherbrief:
Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles; denn das ist der Wille Gottes für euch in Christus Jesus.
1. Thessalonicher 5,16–18
5. Hoffnung
Was meine ich mit Hoffnung?
Deine Situation, dass du gerade so einsam bist, wird ja nicht immer so bleiben.
Das Leben verändert sich.
Als Christ glaube ich daran, dass Gott mein Leben lenkt.
Im Buch der Sprichwörter heißt es:
Im Bausch des Gewandes schüttelt man das Los, doch jede Entscheidung kommt vom HERRN.
Sprichwörter 16,33
Ich glaube daran, dass Gott einen Plan für mein Leben hat.
Und dass dieser Plan besser ist als alles, was ich mir selbst ausdenken könnte.
Deswegen kann ich mir sagen:
Die Situation, in der ich jetzt bin, ist genau die Situation, in der ich jetzt sein soll.
Auch wenn ich nicht verstehe, warum.
Auch wenn ich nicht weiß, wofür.
Gott hält mich im Moment in diesem Zustand.
Also verlasse ich mich auf Ihn. Auf Seinen Plan. Auf Sein Timing.
Und versuche gleichzeitig, das Beste aus der jetzigen Situation zu machen.
Vielleicht kannst du sogar versuchen, zu genießen, dass du gerade so viel Zeit hast.
Zeit für dich, für Dinge, die dir guttun, für Dinge, die du schon immer einmal ausprobieren wolltest.
Aber du hast vielleicht auch Zeit, anderen Menschen etwas zu geben.
Schau dich doch mal in deiner Stadt oder deinem Viertel um.
Gibt es Menschen, denen es schlecht geht?
Menschen, die einsam sind? Alte Menschen? Familien, die Unterstützung brauchen? Menschen, die krank sind oder gerade durch eine schwierige Zeit gehen?
Wie könntest du ihnen helfen?
Vielleicht besteht ein Teil der Antwort auf deine eigene Einsamkeit darin, nicht ständig auf das zu schauen, was dir fehlt, sondern darauf, wem du etwas geben kannst.
Und wenn du nicht gläubig bist, kannst du dir zumindest das sagen:
Das Leben bleibt nicht, wie es ist.
Es verändert sich ständig.
Es bleibt nie gleich.
Es ist immer im Fluss.
Auch diese Phase wird vorübergehen.
Kennst du das auch, dass du aus Einsamkeit zum Essen greifst? Was würde dir helfen, nicht mehr zur Schokolade, zum Honigbrot oder zum gedünsteten Brokkoli zu greifen, wenn du eigentlich Nähe und Gesellschaft brauchst? Ich freue mich, wenn du deine Gedanken in den Kommentaren teilst!